Sind wirklich 46 % aller Google-Suchen lokal?

· Lesezeit ca. 9 Min.

Eine Lupe und ein Stift liegen auf einem leeren, vergilbten Blatt Papier auf einem Holztisch

Die kurze Antwort

Die Zahl lässt sich zurückverfolgen — auf eine Angabe aus einer Präsentation an einer Konferenz am Google-Hauptsitz im Oktober 2018, weitergegeben über einen Tweet. Der Fachbeitrag, auf den sich fast alle Weitergaben stützen, trägt als Überschrift eine Frage und schreibt im Text, alles was vorliege sei jener Tweet. Eine Veröffentlichung von Google zu dieser Kennzahl habe ich nicht gefunden. Die Zahl ist damit acht Jahre alt, und schon ihre erste Nennung war keine Veröffentlichung, sondern eine Wiedergabe.

Stand: 29. August 2026, Quelle selbst gelesen. Weiter unten: zwei weitere Klassiker mit sehr unterschiedlicher Belegqualität — und die Zahlen, die stattdessen tragen.

«46 % aller Suchanfragen sind lokal» ist die wahrscheinlich häufigste Zahl im Local SEO. Sie steht in Präsentationen, Angeboten und Blogbeiträgen, meist ohne Jahr und ohne Quelle. Ich habe versucht, sie bis zum Ursprung zurückzuverfolgen — und im Gegensatz zu vielen anderen Branchenzahlen hat sie einen. Nur ist der Ursprung etwas anderes, als die Weitergabe vermuten lässt.

Was tatsächlich am Anfang steht

Die älteste Fundstelle, die ich erreichen konnte, ist ein Beitrag von Barry Schwartz auf Search Engine Roundtable vom 17. Oktober 2018. Drei Dinge daran sind bemerkenswert, und alle drei verschwinden beim Weitererzählen:

Erstens

Die Überschrift ist eine Frage

Sie lautet «Did Google Say 46% Of Searches Have Local Intent?» — also: hat Google das gesagt? Wer die Zahl als Tatsache zitiert, zitiert eine Überschrift, die genau das offenlässt.

Zweitens

Die Belegkette wird offengelegt

Im Text steht, an einem Anlass am Google-Hauptsitz habe ein Google-Mitarbeitender die Zahl genannt — und weiter, man vertraue der Quelle, habe aber nur den Tweet eines SEO-Fachmanns dazu. Diese Offenheit ist vorbildlich. Sie ist in der Weitergabe vollständig verlorengegangen.

Drittens

Der Autor benennt seinen eigenen Zweifel

Er schreibt, 46 % erscheine sehr hoch, und fragt, ob es vielleicht davon abhänge, wie Google «lokale Absicht» überhaupt definiert. Genau diese Frage ist bis heute unbeantwortet — und sie entscheidet, was die Zahl bedeutet.

Und eine Falle

Der Titel im Browserfenster fragt nicht

Derselben Seite ist ein Titel-Tag ohne Fragezeichen mitgegeben. Wer nur ihn sieht — etwa in einer Trefferliste — liest eine Tatsache, wo im Text eine Frage steht. Das erklärt einen Teil der Weitergabe, ganz ohne bösen Willen.

Damit ist die Lage klar: Die Zahl ist keine Erfindung, aber auch keine Messung, die man zitieren kann. Sie ist die Wiedergabe einer mündlichen Aussage aus dem Jahr 2018, über einen Tweet, in einem Beitrag, der seine eigene Unsicherheit ausdrücklich benennt. Wer sie 2026 ohne Jahr und ohne diesen Vorbehalt verwendet, macht aus einem transparenten Hinweis eine harte Zahl.

Zwei weitere Klassiker — und drei völlig verschiedene Belegqualitäten

Ich habe zwei weitere Zahlen mitgeprüft, die im selben Atemzug kursieren. Das Ergebnis ist der eigentliche Kern dieses Beitrags: die drei Zahlen sind nicht gleich gut belegt, und die Weitergabe macht sie gleich.

Drei kursierende Zahlen, ihre erreichbare Belegqualität und was ich davon am 29.08.2026 selbst gelesen habe.
Die ZahlZurückverfolgt bisWas ich selbst gelesen habe
46 % der Suchen sind lokalAngabe aus einer Präsentation, Oktober 2018, weitergegeben per TweetDen Fachbeitrag im Volltext — samt Fragezeichen in der Überschrift und dem eigenen Vorbehalt des Autors. Primärquelle gelesen.
44 % der Klicks gehen ins Local PackEine Erhebung aus dem Jahr 2015, Land nicht genanntNur Fachberichte, die darauf verweisen. Die Erhebung selbst habe ich nicht erreicht — eine vermutete Adresse antwortete mit 404, und ich rate keine zweite. Für mich ist die Zahl damit zurückverfolgt, aber nicht belegt.
KI-Verkehr macht 1,08 % ausEin Bericht von 2026 mit 13’770 Domains und 3,3 Mrd. Sitzungen (Mai bis September 2025); ein Land nennt die Berichterstattung nichtDie Berichterstattung von Search Engine Land dazu, mit Stichprobenangabe. Den Bericht selbst habe ich nicht erreicht. Von den drei Zahlen ist das die mit der klarsten Methodik-Angabe.

Die 1,08 % sind dabei ein lehrreicher Fall in die andere Richtung: Nach der Berichterstattung verbirgt der Mittelwert eine zehnfache Spreizung zwischen den Branchen — von rund 0,25 % bis rund 2,8 %. Eine Zahl mit ordentlicher Stichprobe kann also trotzdem für den Einzelfall nichts aussagen, wenn sie als Mittelwert weitergegeben wird.

Was dagegen belegt ist — mit Stichprobe

Statt einer nicht belegbaren Zahl gibt es eine, die eine Stichprobe nennt. Die habe ich in der Mitteilung des Anbieters selbst gelesen, nicht in einer Zusammenfassung.

01 SOCi Local Visibility Index 2026

«KI-Sichtbarkeit» ist kein einheitlicher Wert

Grundlage nach Angaben des Anbieters: mehr als 350’000 Standorte von 2’751 Marken mit mehreren Standorten. Ein Land nennt die Mitteilung nicht — der Anbieter ist ein US-Unternehmen und misst Ketten, kein Schweizer Einzelbetrieb ist darin abgebildet. In der Mitteilung selbst gelesen am 29.08.2026:

  • 1,2 % der Standorte werden von ChatGPT empfohlen.
  • 35,9 % erscheinen im Durchschnitt im lokalen Dreierblock von Google — nach Angabe des Anbieters ist KI-Sichtbarkeit damit rund 30-mal wählerischer als klassische lokale Suche.
  • Im Einzelhandel überschneiden sich die in klassischer lokaler Suche sichtbarsten Marken nur zu 45 % mit den von KI am häufigsten empfohlenen.
  • Aus der Fachberichterstattung, nicht aus der Mitteilung: 11 % bei Gemini und 7,4 % bei Perplexity — und Profilangaben zu rund 68 % zutreffend bei ChatGPT und Perplexity gegenüber 100 % bei Gemini, das auf Google Maps aufsetzt.

Der letzte Punkt ist der wichtigste. 1,2 %, 7,4 % und 11 % sind keine Messfehler, sondern drei verschiedene Systeme (1,2 % aus der Mitteilung des Anbieters, 7,4 % und 11 % aus der Fachberichterstattung). Wer «wir machen Sie in KI sichtbar» verkauft oder kauft, muss sagen, in welcher. Und dass ein System Profilangaben zu 100 % korrekt wiedergibt, während zwei andere bei rund zwei Dritteln liegen, entscheidet mit, wo eine Falschauskunft über Öffnungszeiten oder Telefonnummer entsteht.

⚠️ Und der Vorbehalt, ohne den diese Zahlen nicht verwendbar sind: Es geht um Marken mit vielen Standorten; ein Land nennt die Mitteilung nicht, der Anbieter ist ein US-Unternehmen. Ein Einzelbetrieb in der Ostschweiz ist darin nicht abgebildet. Die Zahlen taugen, um die Grössenverhältnisse zwischen den Systemen zu zeigen — nicht als Erwartungswert für ein Schweizer KMU.

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So prüfen Sie eine Branchenzahl selbst

Der Weg, mit dem ich die 46 % zurückverfolgt habe, funktioniert für die meisten Zahlen, die ohne Quelle kursieren. Er kostet etwa zwanzig Minuten.

02 Fünf Schritte bis zum Ursprung

Rückwärts, nicht vorwärts suchen

1

Die Zahl in Anführungszeichen suchen

Nicht das Thema suchen, sondern die Zeichenfolge — «46 %», «44 %», «1,08 %». Wer das Thema sucht, findet die neuesten Weitergaben. Wer die Zahl sucht, findet die ältesten.

2

Nach Datum sortieren, nicht nach Relevanz

Die älteste Fundstelle ist die interessante. Bei den 46 % lag zwischen der ältesten und den heutigen Weitergaben ein Abstand von acht Jahren — und die älteste enthielt einen Vorbehalt, den keine der neueren mitführte.

3

Die Quelle öffnen, nicht die Zusammenfassung lesen

Eine Suchzusammenfassung ist kein Beleg. Bei dieser Recherche wich sie mehrfach von dem ab, was auf der geöffneten Seite stand — und im entscheidenden Fall hätte sie die Überschrift mit dem Fragezeichen verschluckt.

4

Nach der Stichprobe suchen, nicht nach der Zahl

Drei Fragen: Wie viele Fälle, welcher Zeitraum, welches Land? Fehlt eine davon, ist die Zahl kein Beleg. Von den drei geprüften Zahlen nannte nur eine alle drei Angaben.

5

Keine Kennungen raten

Wenn eine Studie nicht auffindbar ist: nicht die Adresse erraten. Zwei vermutete Adressen antworteten hier mit 404 — die ehrliche Antwort ist «nicht erreicht», nicht ein dritter Versuch, der zufällig eine andere Seite trifft und wie ein Beleg aussieht.

Was offen bleibt

Sind die 46 % denn falsch?

Das weiss ich nicht, und niemand kann es öffentlich belegen. Sie können zutreffend sein — der Punkt ist, dass es keine überprüfbare Grundlage dafür gibt und die Zahl aus dem Jahr 2018 stammt. «Unbelegt» ist nicht dasselbe wie «falsch», und dieser Unterschied gehört in jede Verwendung.

Gibt es eine neuere, belegte Zahl zur lokalen Suchabsicht?

Ich habe keine gefunden, die Stichprobe, Zeitraum und Land nennt — und auch keine Veröffentlichung von Google zu dieser Kennzahl. Wer eine kennt, darf mir schreiben — ich nehme sie hier auf und nenne, wer sie erhoben hat.

Warum verwenden Sie die SOCi-Zahlen, wenn sie US-lastig sind?

Weil sie eine Stichprobe nennen — und weil sie eine Aussage tragen, die vom Markt unabhängig ist: dass drei KI-Systeme sehr unterschiedlich viele Standorte empfehlen. Für die Frage «wie viele Prozent erreiche ich in der Schweiz» taugen sie nicht, und das steht ausdrücklich im Text.

Wie belegt sind die 1,2 % gegen die 11 %?

Unterschiedlich, und darum steht es getrennt: 1,2 % und 35,9 % habe ich in der Mitteilung des Anbieters selbst gelesen, die 11 % bei Gemini und 7,4 % bei Perplexity nur in der Fachberichterstattung über denselben Bericht. Beides ist verwendbar, aber nicht gleich stark — und wer es zusammenzieht, tut genau das, was dieser Beitrag beschreibt.

Quellen

Stand 29. August 2026. Die 46 % stammen aus dem Jahr 2018 und werden hier bewusst mit Jahr genannt; die SOCi-Werte stammen aus einer Mitteilung vom Januar 2026 und beziehen sich auf Marken mit mehreren Standorten. Nächste Nachprüfung: spätestens 1. März 2027. Wenn Sie eine der hier genannten Primärquellen erreichen, die ich nicht erreicht habe, schreiben Sie mir — ich nehme die Angabe auf und vermerke, wer sie beigebracht hat.

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